Journal · Marktanalyse

Zinshäuser in Berlin: Warum die Faktoren 2026 fallen – und trotzdem nicht auf das Niveau von 2011 zurückkehren

Von Dietrich Washausen Berlin, August 2026

Der Gutachterausschuss hat seinen neuen Immobilienmarktbericht vorgelegt. Er zeigt für 2025 einen stabilen Markt – doch die Zahlen sind ein Blick zurück, und der Zins von heute erzählt eine andere Geschichte. Eine Herleitung, was das für die Kaufpreisfaktoren im Berliner Zinshaussegment 2026 bedeutet.

Das Wichtigste in Kürze Der Immobilienmarktbericht 2025/2026 des Gutachterausschusses Berlin weist für 2025 Preisstabilität aus, mit durchschnittlichen Kaufpreisfaktoren über den gesamten Zinshausmarkt von rund 22,6 (reine Mietwohnhäuser) und 21,9 (Wohn- und Geschäftshäuser). Das sind Rückblickszahlen. Bei dem heutigen Zinsniveau von rund 4 Prozent setzt sich die Abwärtsbewegung der Faktoren 2026 fort, verlangsamt sich aber und nähert sich einem Boden: Die durchschnittlichen Faktoren dürften weiter in Richtung der 20er-Marke rutschen, ohne sie im Gesamtmarkt schon zu durchbrechen. Ein Rückfall auf die Faktoren von 2011 (14 bis 16) ist trotz vergleichbaren Zinses strukturell nicht zu erwarten – der Markt bewertet Zinshäuser heute mit dünnerer Risikoprämie, eingepreistem Mietwachstum und vor dem Hintergrund weit höherer Wiederbeschaffungskosten. Sämtliche genannten Werte sind Durchschnitte – im Einzelfall werden deutlich höhere und deutlich niedrigere Faktoren bezahlt.

Was steht im neuen Immobilienmarktbericht 2025/2026?

Der Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Berlin hat für 2025 Preisstabilität in fast allen Teilmärkten festgestellt. Ausgewertet wurden 22.912 notariell beurkundete Kauffälle – rund 10 Prozent mehr als im Vorjahr.

Für mich als Makler, der vorwiegend Mehrfamilienhäuser sowie Wohn- und Geschäftshäuser vermittelt, ist das jedes Jahr die wichtigste Datenquelle überhaupt. Sie beruht nicht auf Angebotspreisen oder Schätzungen, sondern auf jedem einzelnen tatsächlich beurkundeten Kaufvertrag der Stadt. Nach dem scharfen Einbruch der Jahre 2022 und 2023 hat sich der Markt 2025 eingependelt. Das ist eine gute Nachricht – aber sie will richtig gelesen werden.

Was ist ein Kaufpreisfaktor – und was sagt er über die Rendite?

Der Faktor ist der Kaufpreis geteilt durch die Jahresnettokaltmiete – und damit das direkte Spiegelbild der Rendite.

Faktor = Kaufpreis ÷ Jahresnettokaltmiete

Ein Haus mit 100.000 Euro Jahresnettokaltmiete, das für 2.000.000 Euro verkauft wird, hat einen Faktor von 20. Und dieser Faktor sagt sofort etwas über die Rendite: Faktor 20 entspricht 5 Prozent Bruttorendite, Faktor 25 nur noch 4 Prozent, Faktor 14 dagegen gut 7 Prozent. Ein sinkender Faktor ist deshalb für Käufer eine gute Nachricht – mehr Miete je eingesetztem Euro. Für Verkäufer gilt das Umgekehrte.

So stellte sich der Markt 2025 dar: Über alle Baujahre hinweg lag der durchschnittliche Faktor bei 22,6 für reine Mietwohnhäuser und 21,9 für Wohn- und Geschäftshäuser. Gegenüber dem Höchststand von rund 32 in den Nullzinsjahren 2021/2022 ist das ein deutlicher Rückgang – einer, der sich zuletzt allerdings spürbar verlangsamt hat.

Gilt dieser Faktor für jedes Zinshaus gleich?

Nein – all diese Zahlen sind Durchschnittswerte, und die Spanne dahinter ist groß. Der Gutachterausschuss bildet Mittelwerte über viele Verkäufe. Das einzelne Haus kann deutlich darüber oder deutlich darunter gehandelt werden.

Ein saniertes Zinshaus in gefragter Lage, mit gesundem Mietsteigerungspotenzial und ohne baulichen Nachholbedarf, erzielt regelmäßig Faktoren über dem Durchschnitt – Käufer zahlen für Sicherheit und Perspektive einen Aufschlag. Umgekehrt wird ein Objekt mit Sanierungsstau, ungünstiger Mieterstruktur, energetischem Nachholbedarf oder in schwacher Lage unter dem Durchschnitt gehandelt, oft deutlich. Auch Milieuschutz, ein hoher Gewerbeanteil oder eine kurze wirtschaftliche Restnutzungsdauer verschieben den Faktor.

Der Durchschnitt ist also die Orientierung, nicht das Urteil. Was ein konkretes Haus wert ist, entscheidet sich an seinen eigenen Merkmalen – und genau das ist die Arbeit, die eine Statistik nicht leisten kann.

Warum sind die Zahlen des Gutachterausschusses ein Blick zurück?

Weil es Verkäufe des Jahres 2025 sind.

Und in diesem Rückspiegel steckt eine Zinswelt, die es heute nicht mehr gibt. Über weite Strecken des Jahres 2025 lag der Bauzins für zehnjährige Finanzierungen bei rund 3,1 bis 3,5 Prozent. Heute, im August 2026, sind es rund 3,8 bis 4,0 Prozent – teils schon an der Vier-Prozent-Marke. Die Europäische Zentralbank hat ihren Senkungskurs nach dem Energiepreisschock dieses Jahres beendet und den Einlagensatz im Juni sogar wieder angehoben. Für 2026/2027 erwarten die Analysten keine Rückkehr zu niedrigen Zinsen, sondern eine Seitwärtsbewegung im Bereich von etwa 3,6 bis 4,2 Prozent – eher mit dem Risiko nach oben. Der Rückenwind fallender Zinsen, der die Faktoren von 2010 bis 2021 immer weiter nach oben getragen hat, ist damit weg.

Wie sieht der aktuellste belastbare Datenstand aus?

Der jüngste offizielle Umsatzbericht des Gutachterausschusses zeigt die Auswertung des 1. Quartals 2026 (veröffentlicht am 15. Juni 2026).

Der Gutachterausschuss beschreibt den Markt als „robust, aber mit nachlassender Dynamik". Zwei Befunde stechen heraus. Erstens dünnt der Handel aus: Bei den Mietwohnhäusern wurden 17 Prozent weniger Objekte gehandelt, der Geldumsatz sackte um 53 Prozent ab – es kamen weniger große Zinshäuser auf den Markt. Zweitens gab bei den Mietwohnhäusern erstmals auch das mittlere Preisniveau pro Quadratmeter nach, um 14 Prozent. Das ist das erste amtliche Signal, dass nicht mehr nur der Faktor, sondern auch der reine Quadratmeterpreis in Bewegung gerät.

Eine ehrliche Einschränkung gehört an genau diese Stelle: Der Gutachterausschuss warnt selbst, dass bei den geringen Fallzahlen in diesem Segment einzelne große oder besonders teure Objekte den Durchschnitt stark verzerren können. Die minus 14 Prozent sind ein Signal, kein bewiesener Trend. Und die amtlichen Zahlen für das 2. Quartal 2026 liegen noch nicht vor: Der Halbjahresstand des Gutachterausschusses berücksichtigt nur Verträge, die bis zum 15. August vorlagen, und wird erfahrungsgemäß erst im Oktober veröffentlicht. Die derzeit kursierenden Halbjahreszahlen 2026 stammen von Marktbeobachtern, die nach ihren eigenen Methodenangaben noch unvollständige Transaktionsdaten mit Angebotsdaten kombinieren und modellbasiert auswerten; sie weisen selbst darauf hin, dass ihre Werte amtliche Statistiken nicht ersetzen. Ich stütze mich hier bewusst nur auf die geprüfte amtliche Statistik.

Wie hängen Zinsen und Faktoren überhaupt zusammen?

Ein Investor vergleicht die Rendite der Immobilie mit den Kosten seines Kredits – steigt der Zins, wird der Faktor wahrscheinlich fallen.

Dieser Zusammenhang ist in den Daten des Gutachterausschusses über 15 Jahre sauber ablesbar: fallender Zins von 2010 bis 2021, steigende Faktoren; dann der scharfe Bruch ab 2022, als der Zins sprang und die Faktoren einbrachen.

Zins und Faktor bewegen sich gegenläufig Berliner Zinshäuser 2010–2025: Kaufpreisfaktor (Ø aller Verkäufe) und Bauzins Faktor MFH Faktor WGH Bauzins 10 J. (Effektiv, rechte Achse) 10× 14× 18× 22× 26× 30× 34× 0% 1% 2% 3% 4% 5% Kaufpreisfaktor Effektiver Jahreszins 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Zinswende 14× bei 4,2% 23,5× bei 3,4% Faktor = durchschnittlicher Vervielfältiger der Jahresnettokaltmiete aller Verkäufe (Gutachterausschuss Berlin, Immobilienmarktberichte 2010–2025). Bauzins: effektiver Jahreszins, 10 Jahre Zinsbindung (Interhyp), Momentaufnahme zum 1. Januar; Wert 2026 vorläufig (August). Alle Faktoren sind Durchschnittswerte.
Der Zusammenhang über 15 Jahre: fallender Zins bis 2021/2022, steigende Faktoren – nach der Zinswende 2022 die Umkehr. Bei fast gleichem Zins wie 2010 liegt der Faktor heute rund acht Punkte höher.

Wohin entwickeln sich die Faktoren 2026?

Die Abwärtsbewegung läuft 2026 weiter, aber sie verlangsamt sich – der Markt nähert sich einem Boden.

Der große Sturz liegt hinter uns: von rund 32 in den Jahren 2021/2022 auf 22,6 (reine Mietwohnhäuser) und 21,9 (Wohn- und Geschäftshäuser) im Jahr 2025. Die jährlichen Rückgänge werden dabei von Jahr zu Jahr kleiner – der Markt läuft auf einen Boden zu. Für 2026 erwarte ich eine Fortsetzung dieser gebremsten Kompression: Bei einem Zins um 4 Prozent und dem ersten Preisnachgeben aus dem 1. Quartal dürften die durchschnittlichen Faktoren weiter in Richtung 21 rutschen und sich der 20er-Marke annähern, ohne sie im Gesamtmarkt schon zu durchbrechen. Beim Quadratmeterpreis wird das erste Nachgeben nun sichtbar, doch der Sockel bleibt hoch, solange die Mieten weiter steigen und praktisch kein Neubau nachkommt.

Warum kehren die Faktoren trotz 4 Prozent Zins nicht auf das Niveau von 2011 zurück?

Das hat nach meiner Einschätzung unterschiedliche Gründe.

Die Zahlen: 2010 lag der Bauzins bei 4,2 Prozent, der Faktor bei ca. 14; 2011 bei 3,95 Prozent Zins und Faktor ca. 15. Heute liegt der Zins mit rund 3,9 Prozent auf fast demselben Niveau – der Faktor aber bei etwa 22. Ein Faktor von 14 bis 15 entspricht einer Bruttorendite von rund 7 Prozent, ein Faktor von 22 nur noch von 4,5 Prozent. Die eigentliche Frage lautet also: Warum begnügen sich Käufer heute bei gleichen Finanzierungskosten mit einer viel dünneren Rendite?

Die Antwort liegt nicht in der Höhe der heutigen Miete, sondern in der Art, wie der Markt das Zinshaus bewertet. Drei Kräfte treiben den Faktor. Erstens die geschrumpfte Risikoprämie: 2010/2011 verlangten Käufer einen dicken Renditepuffer über den Finanzierungskosten, gut drei Prozentpunkte. Heute geben sie sich mit einem hauchdünnen Aufschlag zufrieden – Faktor 22 bedeutet 4,5 Prozent Bruttorendite bei rund 4 Prozent Zins –, weil sie das Berliner Zinshaus als sicheres, knappes Gut einschätzen. Zweitens das eingepreiste Mietwachstum: Der Faktor ist zukunftsgerichtet. Käufer zahlen ihn hoch, weil sie mit weiter steigenden Mieten rechnen, getrieben von strukturellem Wohnungsmangel und eingebrochenem Neubau. Drittens die gestiegenen Wiederbeschaffungskosten: Bau- und Grundstückspreise sind seit 2011 massiv geklettert, was den Bestand gegenüber dem schwachen Neubau aufwertet.

Und warum sind die absoluten Kaufpreise trotzdem so viel höher als 2011? Das ist eine zweite, davon getrennte Frage – und hier kommt die Miethöhe ins Spiel. Ein Rechenbeispiel: Ein Haus mit 100.000 Euro Jahresnettokaltmiete war 2011 beim Faktor 14 rund 1.400.000 Euro wert. Dieselbe Miete brächte beim heutigen Faktor 22 rund 2.200.000 Euro – gut 50 Prozent mehr, allein durch den höheren Faktor. Ist die Jahresmiete inzwischen auf 150.000 Euro gewachsen, läge der Preis bei Faktor 22 sogar bei 3.300.000 Euro. Der höhere Faktor und die höhere Miete heben den Preis also gemeinsam – der Faktor über die Bewertung, die Miete über die absolute Basis.

Dazu eine Einordnung aus eigener Erfahrung, die ich als Zeitzeuge und nicht als Statistik verstanden wissen will: Der niedrige Faktorstand von 2010/2011 war selbst ein Sondereffekt. In den Jahren 2006 und 2007 haben wir Zinshäuser fast ausschließlich an ausländische Käufer verkauft – nicht nur in Berlin, auch in Dresden und Leipzig. Ende 2007 brach die Nachfrage stark ein, weil die Käufer in ihren Herkunftsländern keine Finanzierung mehr bekamen. Es war der Beginn der weltweiten Finanzkrise. Der Markt erholte sich ab 2010 – aber getragen von inländischen Investoren, und er baute sich mühsam von unten wieder auf. Die niedrigen Faktoren von damals waren also nicht der Normalzustand eines Vier-Prozent-Marktes, sondern der Tiefpunkt eines Neuanfangs. Heute kommen wir umgekehrt von oben, von den Rekordfaktoren der Nullzinsjahre. Gleicher Zins wie damals – und trotzdem ein weit höherer Faktor. Die 20er-Marke wird von einzelnen, schwächer bewerteten Objekten bereits unterschritten, ein flächendeckender Rückfall des Marktdurchschnitts auf 14 bis 16 aber ist strukturell nicht in Sicht: Dafür müssten die Risikoprämie wieder aufreißen, die Mieterwartung kippen oder der Zins deutlich über fünf Prozent steigen.

Was bedeutet das für Käufer und Verkäufer?

Für Verkäufer ist die Ära der Extrem-Faktoren vorbei, für Käufer verbessern sich die Einstiegsrenditen erstmals seit über einem Jahrzehnt.

Wer sein Haus noch mit den Vielfachen von 2022 im Kopf anbietet, findet keinen Käufer. Preisvorstellungen müssen sich an die neue Faktor-Realität anpassen. Der Markt ist dünn, aber nicht tot: Realistisch bepreiste, saubere Objekte finden ihre Käufer. Für Käufer hat sich der durchschnittliche Faktor von rund 32 auf gut 22 zurückgebildet – die Bruttorendite ist damit von etwa 3 auf 4,5 Prozent gestiegen, und einzelne, schwächer bewertete Objekte werden bereits unter dem Zwanzigfachen gehandelt. Wer Eigenkapital und einen langen Atem hat, findet Bedingungen vor, die es lange nicht gab.

Und hier gilt der Durchschnitts-Vorbehalt doppelt: Der richtige Faktor für Ihr Haus ergibt sich nicht aus der Tabelle, sondern aus Lage, Zustand, Mieterstruktur und Potenzial des konkreten Objekts. Ein gutes Haus rechtfertigt einen Aufschlag, ein Problemobjekt einen Abschlag. Genau diese Einschätzung im Einzelfall ist meine Aufgabe.

Wie sicher ist diese Prognose?

Es ist ein Korridor, keine Punktprognose – und dazu stehe ich bewusst.

Drei Gründe zur Vorsicht: Die Fallzahlen im Zinshaussegment sind gering, einzelne Objekte können den Durchschnitt verzerren. Die amtlichen Zahlen für das laufende Halbjahr liegen noch nicht vor. Und Zinsprognosen sind notorisch unzuverlässig – das räumen selbst die Institute ein, die sie erstellen. Was bleibt, ist ein klares Bild: Der Zusammenhang zwischen Zins und Faktor ist real und über 15 Jahre sauber belegt. Er weist 2026 nach unten – aber nicht zurück nach 2011.

Datenquellen: Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Berlin (Immobilienmarktbericht 2025/2026 sowie vorläufiger Umsatzbericht 1. Quartal 2026), eigene Auswertung der Marktberichte 2010–2025, Zinsreihe der Interhyp AG.
Stand: August 2026. Alle Faktor- und Preisangaben sind Durchschnittswerte; im Einzelfall weichen die tatsächlich gezahlten Faktoren nach oben wie nach unten ab. Die Einschätzungen zur Marktentwicklung 2026 sind eine Herleitung, keine Gewähr.
Dietrich Washausen
Geschäftsführer DiWas GmbH
Seit 1997 in der Immobilienbranche, spezialisiert auf die Vermittlung von Zinshäusern in Berlin, Leipzig, Dresden und Brandenburg. Kontakt aufnehmen